Polyester, Polyacryl, Polyamid - Probleme verdrängen, vermeiden, recyceln?

Mittlerweile ist es allgemein bekannt: Was an Plastikmüll die Strände säumt ist nur ein kleiner sichtbarer Auswurf der gigantischen Plastikmüllstrudel, die bereits unsere Weltmeere füllen. Auch sogenanntes „Bioplastik“ - oft Alternative zum herkömmlichen Plastiksackerl  - löst sich nicht unter Wasser auf, wie jetzt eine neue Studie festgestellt hat. „Kompostierbares“ Plastik ist also nur bedingt biologisch abbaubar und herkömmliche erdölbasierte Kunststoffe gar nicht, zumindest nicht in relevanter Zeitrechnung.

Dennoch, wir verwenden alltäglich eine Vielzahl unterschiedlicher Kunststoffe und die Plastikabfälle und deren kleinste Abrieb- und Zerfallsteilchen durchsetzen unsere Welt, werden von Sperrmüll bis Mikrofaser tonnenweise ins Meer gespült, finden sich in unserer Nahrung, in unserem Körper. Schädliche Chemikalien, oft mit Verdacht auf hormonelle oder krebserzeugende Wirkung, werden immer wieder in Verbindung mit Kunststoff nachgewiesen. Die Auswirkungen sind also hinlänglich bekannt und sichtbar, wirkliche Maßnahmen dagegen leider noch nicht, zu verbreitet, zu billig und zu praktisch ist doch die Verwendung von Kunststoff. Das Verbot von einigen Einwegplastikprodukten ist nun zumindest der Anfang eines Umdenkens.

 

Woran noch nicht viel gedacht wird: auch Bekleidung ist ein Teil des Desasters.

Ohne die Verwendung von billiger Kunstfaser wäre das Fast-Fashion-Angebot in der heutigen Form und das dazugehörige Müllproblem gar nicht möglich. Die bei Textilien am häufigsten verwendeten Kunstfasern sind Polyester, Polyamide und Polyurethan sowie Polyacryl. Letztlich tragen wir also Erdölprodukte mit jeder Menge chemischen Zusätzen auf dem Körper. Insgesamt ist der Erdölverbrauch im Gesamtvergleich für Bekleidung ein geringer, aber dennoch, die Textilerzeugung mit ihrem Ressourcen- und Chemieeinsatz ist ein Teil des ökologisch verhängnisvollen Puzzles. Was nun? Die Probleme chick verdrängen, vernünftig vermeiden oder modisch recyceln. Wir können anscheinend nicht darauf verzichten, sie sind Teil unseres modernen Weltbildes, aber Kunststoffe belasten zunehmend unsere Lebenswelt - mehr als ein Dilemma, ein Polylemma.

 

Projekte gegen den Müll im Meer

Aus der Textilbranche machen nun ein paar Pioniere auf sich aufmerksam, die einen Beitrag zum Umweltschutz bieten wollen und deshalb ganz andere Wege gehen. So zum Beispiel das spanische Label ECOALF, das jetzt auch im Green Ground zu finden ist. 2009 von Javier Goyeneche gegründet, hat sich das Unternehmen das Ziel gesetzt, etwas gegen die übermäßige Nutzung der Ressourcen und gegen die enormen Abfallmengen zu unternehmen und dabei die erste Modeserie herzustellen, die mit recycelten Materialien die gleiche Qualität, modernes Design und technischen Fortschritt erreicht, wie die besten konventionellen Produkte auf dem Markt. Hauptanliegen ist der Kampf gegen den Müll im Meer. Seither wurde viel experimentiert und verschiedene ‚Rohstoff-Quellen' eingesetzt: PET-Plastikflaschen und ausgediente Fischernetze, sowie gebrauchte Reifen, abgetragene Baumwolle und Wolle. In verschiedenen Prozessen wird aus Alt Neu. In einer katalanischen Fabrik wird der „Müll“ zu Garnen und Fasern gesponnen, die zu hochfunktionaler, sehr ansprechender Damen- und Herrenbekleidung sowie Taschen und Accessoires verarbeitet werden.

 

Zudem startete die ECOALF-Stiftung gemeinsam mit dem thailändischen Ministerium für Tourismus und PTT Global Chemical das “Upcycling the Oceans” Thailand Projekt, eine mehrjährige Verpflichtung zu Recycling-Projekten in den Gebieten Phuket, Samui, Tao und Samed. Auch an den spanischen Küsten wird Müll aus dem Meer geholt, mittlerweile hat die Ecoalf Foundation mehr als 2500 Fischer an 32 Häfen involviert, das bedeutet eine Gesamtsumme von etwa 500 Fischdampfern, die bereits mehr als 300 Tonnen Müll vom Grund des Mediterranen Meeres gesammelt haben.

 

Rohstoffe aus der Tiefe und der tiefere Sinn beim Recyceln

Der bewusste Einsatz von Recycling ist der Beginn eines neuen Weges auch in der Modebranche. Große Konzerne werben längst verkaufswirksam mit ihrer Recycling-Nachhaltigkeit. Doch ein massives Problem bleibt dabei nach wie vor, und da ist recyceltes Polyester um nichts besser als herkömmliches Polyester: In der Waschmaschine werden kleinste Faserteile der Chemiefasern abgerieben und gelangen ins Abwasser. Diese Teilchen sind so winzig, dass die Kläranlagen sie nicht mehr herausfiltern können. Die winzigen Plastikfasern gelangen so in unsere Gewässer und damit auch in die Nahrungskette und letztlich auch in unseren Körper, wo sie schädliche Auswirkungen haben können. Hier wird also durch Recycling kein Problem gelöst, sondern nur verschoben. Deshalb ziehen wir im Green Ground das Fazit: flauschige Pullis, Fleece-Sweater und Co aus recyceltem Polyester sind für uns keine wirklich ökologischen Produkte, denn die kommen oft in die Waschmaschine und deshalb nicht bei uns in den Verkauf! Besser sieht es aus bei Regenjacken und Outdoor-Klamotten, da macht recyceltes Material Sinn. Da bleibt das gute Gefühl, dass zumindest dieser Plastikanteil, der mich jetzt vor Regen schützt nicht mehr im Meer treibt - wenn auch nicht sofort die Weltrettung, aber zumindest ein Anfang zum Schutz der Meere und irgendwo muss man auch mal anfangen. ECOALF schafft mit seiner Kampagne „Because there is no Planet B“ Bewusstsein für die Problematik und das auf ziemlich gut aussehende Weise. Jacken, sportliche Schuhe und Badekleidung werden dabei aus Nylon-Resten (Nylon ist ein handelsüblicher Name für Polyamide) wie Fischernetze aus den Meeren, Fetzen und Teppichen gefertigt, dabei werden für die Herstellung des Recycling-Nylons nur halb so viele Schritte wie bei einem herkömmlichen chemischen Prozess benötigt. Dadurch wird auch die Energie und der Wasserverbrauch erheblich reduziert.

Übrigens auch alle Baumwollteile von ECOALF, die jetzt im Green Ground erhältlich sind, wurden aus recycelter Baumwolle hergestellt - und das macht jedenfalls Sinn, wenn man die unglaubliche Menge an Wasser und Chemie bedenkt, die bei konventionellem Baumwollanbau eingesetzt wird. Für die Produktion eines recycelten Baumwoll T-Shirts spart Ecoalf im Vergleich zu einen herkömmlichen Baumwoll-T-Shirt 2500 Liter Wasser pro T-Shirt ein.

Auch andere Öko-Labels arbeiten mit Recycling-Materialen, so zum Beispiel Knowledge Cotton Apparel, die coole Regenjacken aus alten PET-Flaschen herstellen - diese gehören längst zum gefragten Standardangebot im Green Ground. Unser Standpunkt im Plastik-Polylemma ist also die Frage nach der ökologischen Sinnhaftigkeit recycelter Kunststoffmaterialen und ansonsten vor allem die Vermeidung von Kleidungsstücken mit Polyester oder einer anderen synthetischen „Polyschwester“, denn es gibt Alternativen, die auch gut ohne Plastik auskommen und sich in jeder Hinsicht für Haut und Gewissen besser anfühlen.