Green Ground Denim Guide - Teil 2

 Teil 2: Vom ehemals brisanten Statement zum beschämenden Modemythos. Oder die Wiederentdeckung der echten“ Jeans.

 ein Artikel von Simonne Baur

Von der Arbeitskluft zum Symbol einer Rebellion

Die mit Nieten verstärkte Arbeitshose aus indigogefärbtem Denim wurde seit ihrer Erfindung 1873 stetig beliebter und bald von Farmern, Cowboys, Eisenbahnleuten, Handwerkern und Schwerarbeitern in ganz Nordamerika getragen. Ab den 1920er Jahren sind Jeans erstmals auch als Freizeitlookangesagt, allerdings nur bei sehr wohlhabenden Leuten, die sich Ferien auf einer Ranch im Stil von Cowboys leisteten. Nach Europa kamen Jeans durch amerikanische Soldaten, denn auch die Armee setzte die praktisch robuste Kleidung ein. Amerikanische Filme mit Stars wie James Dean oder Marlon Brando steigerten das rebellische Image von Denim, was den besonderen Status der Hose unter Jugendlichen erklärt. Neue Jeans erhielten erst durch längeres Tragen und individuelle Prozeduren die gewünschte Patina eines erlebnisreichen Rebellendaseins. Jeans zu tragen war eine echte Ansage gegen konservative Werte und waren deshalb auch in Schulen und bei vielen gesellschaftlichen Veranstaltungen streng verboten.

Vom Outlaw-Image zum Image-Outfit

1948 wurden Jeans erstmals in Europa produziert, aber bis in die 60er Jahre war Jeanskleidung ein Statement rebellischer Jugendlichkeit in einer sonst sehr konservativ gewandeten Gesellschaft. Jeans galten als Symbole gewalttätiger Unreife und mutwilliger Herausforderung der Konventionenund gehörten damals zum Image der so genannten Halbstarkenszene. Es ist auch bezeichnend, dass die 1953 erstmals für Frauen aus Denim produzierte Hose den Reißverschluss dezent an der Seite hatte und unter Namen Girls-Camping-Hosenur einem klar definierten Freizeitbereich zugeordnet wurde. Der Versuch Jeanskleidung einzugrenzen scheiterte - wie wir heute an der Alltags- und Allerweltshose sehen - aber völlig.

Im Gegenteil, durch gesellschaftliche Veränderungen einerseits und durch die Kommerzialisierung des Mythos Jeans andererseits - eine gängige Dynamik Widerständiges im Mainstream aufzulösen - wandelte sich die Denimhose von der Arbeits- zur Freizeithose und in 80ern schließlich durch billige Massenproduktion zum Alltagsprodukt. Oder aber auch durch die sich entwickelnde Modeszene zum hippen und teuren Designerstück, ehemals Statement und Lebenseinstellung, heute als Outfit und Lifestyle milliardenfach kopiert, variiert und für alle verfügbar gemacht.

Die Kehrseite: Untragbare Zustände, Chemikalien und viel Wasser in der Hose

Die meisten im Handel erhältlichen Jeans - jährlich werden weltweit über zwei Milliarden Stück produziert - bringen nur eine traurige Facette eines verdrehten Mythos mit sich, dessen Tragik aber langsam das Bewusstsein von immer mehr KonsumentInnen erreicht: Die Umstände der Produktion und die Auswirkungen auf Umwelt und Mitmenschen machen die ganz normaleJeans, wenn man einmal hinter die Fassade der ganz normalen Textilproduktion geschaut hat, einfach untragbar.Denn für konventionelle Jeans nehmen wir Pestizide und andere Umweltgifte, Gentechnik sowie den enormen Wasserverbrauch in Kauf - rund 7000 Liter für eine Hose.

 

Quelle: https://blog.avocadostore.de/2012/09/18/warum-die-okojeans-die-bessere-wahl-ist/

 

Mittlerweile haben wir bereits von den für uns unvorstellbaren Arbeitsbedingungen gehört und von Menschen, die jung an Lungenversagen sterben müssen, weil sie mittels Sandstrahlen oder im Chemikaliendampf den Jeans den modisch notwendigenGebrauchtlook zur Darstellung eines Mythos verpassen, der ganz und gar nicht echt ist. Sehr echt sind dagegen diese Produktionsbedingungen, ätzende Chlorbleichen und andere giftige Chemikalien nicht nur für billige Massenware, sondern auch für viele bekannte konventionelle und teure Marken. Das ist die gar nicht knackige Kehrseite der alltäglichen Jeans.

Eine echteJeans - eine Frage der Wahrnehmung

An uns liegt es nun wahrzunehmen: erstens die Produktions- und Kostenwahrheit, zweitens uns selbst als in dieser Beziehung handelnde KonsumentInnen bzw. HändlerInnen, und drittens - und das ist die gute Nachricht - das alternative Angebot: Denn es gibt die echtenJeans, die auch bei genauerer Hinsicht auf alle Bedingungen wirklich gute Figur machen. Ein paar innovative Jeans-Hersteller haben die Sache nämlich selbst in die Hand genommen und setzen auf ökologische Produktion und faire Arbeitsbedingungen. Und die nächste gute Nachricht: es gibt im Green Ground sogar mehrere Marken in verschiedenen Stilen und echten Indigo-Färbungen zum Aussuchen, Angreifen, Probieren und zu einem fairen Preis zu kaufen - also echte Jeans als Statement gegen die schlechte Konvention.

von Simonne Baur

 

Teil 3 folgt nächste Woche: Wer hat hier jetzt die Hosen an? Ein Porträt der modernen Denim-Pioniere