Teil 3:  Geheimnisse aus der Geschichte der Textilfärberei

 

 

Grün, grün, grün sind alle meine Kleider - doch wie kommt die Farbe in den Stoff?

 

Nicht nur: „Grün, grün, grün sind alle meine Kleider“ (ja klar, wenn sie von den Modelabels im Green Ground  stammen!); Hier blitzt ein strahlendes Himmelblau zwischen einem weißen Vogelmotiv, dort ein sportliches Kleid in einem kräftigen Rot…

Ob in Grauschattierungen, Pastelltönen oder knallig bunt, dass Kleidung in allen möglichen Farben und in den aktuellen Modefarben der Saison hergestellt wird, mag uns heute nicht ungewöhnlich erscheinen. Doch die Verfügbarkeit beinahe jeder Farbnuance war nicht immer selbstverständlich. Das Färben von Textilien war oft eine langwierige Prozedur. Heute fragen wir uns kaum noch: Was macht unsere Kleidung bunt?

 

 

People TreePTKleidrot

Bildquelle: www.peopletree.de

 

Farben aus der Natur

 

Seit Menschen Kleidung tragen wurden zur Färbung der Textilien allerlei färbende Substanzen aus der Natur erprobt. Schon in der Steinzeit wurden Farben aus Mineralien wie Mennige, Zinnober und Malachit gewonnen, die auch für die Höhlenmalerei verwendet wurden. In späteren historischen Epochen suchten und fanden Färber, Alchemisten und Chemiker verschiedene Farbstoffe aus Pflanzen, wie Färberwaid, Indigo, Gallapfelsud und vieles mehr. Ebenso wurden Farbstoffe tierischen Ursprungs verwendet, so isolierte man beispielsweise Purpur aus der Purpurschnecke und das leuchtend rote Karmin aus der Conchenille-Laus. 

 

Rote Schleife

Karminrote Schleife, gefärbt wahrscheinlich mit dem aus der Neuen Welt nach Spanien importierten Farbstoff,
der aus Conchenille-Läusen gewonnen wurde. Dieser löste das Karminrot aus den europäischen Kermes-Schildläusen ab,
der erheblich geringer in der Konzentration ist. Der Umstand, dass das so begehrte Färbemittel für Stoffe und Kosmetika von
Insekten stammte, wurde von den Spaniern wohlweislich als Geheimnis gehütet.
Bilddetail aus dem Gemälde "Las Meninas" von Diego Velázquez, 1656.
Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Las_Meninas#/media/File:Las_Meninas_(1656),_by_Velazquez.jpg

 

 

Wie kommt die Farbe in den Stoff?

 

Grundsätzliches Problem: Die meist wasserunlöslichen Pigmente oder Farbmittel müssen an der Stofffaser haften bleiben und sollen nicht mehr ausgewaschen werden. Zu den ältesten waschechten Färbetechniken zählt die Küpenfärberei, ein Prozess bei dem Stoffe in ein Bad aus vergorenem Färberwaid, Indigo oder Purpur getaucht wurden - eine ziemlich übel riechende Brühe, die nicht gerade besser wurde durch die Zugabe eines bis ins 19. Jahrhundert üblichen Reduktionsmittels: Urin!

Diese amoniakhältige Verbindung macht die Farbe wasserlöslich und erst beim Trocknen in der Luft verwandelte sich nun die Farbe des Stoffes durch Oxidation je nach Farbstoff in leuchtendes Blau oder Purpurviolett. Danach konnten mit anderen Farbmitteln und wiederholten Prozeduren andere Färbungen wie zum Beispiel auch Schwarz erzeugt werden. Mit Gallapfelsud gefärbte Stoffe bleichten aber schnell aus, ein tiefes dauerhaftes Schwarz konnte man erst mit dem aus Amerika importierten Blauholz erreichen. Bis ins 17. Jahrhundert waren dunkle Farben noch nicht so gefragt gewesen, aber die Puritaner bevorzugten möglichst schwarze Stoffe als optisches Erkennungsmerkmal ihres strengen Glaubens. Ironischerweise wurde, wie Victoria Finlay in ihrem Buch "Das Geheimnis der Farben" berichtet, das puritanische Begehren nach wirklich schwarzen Stoffen befriedigt, indem großen Mengen Blauholz aus der neuen Welt nach Europa importiert wurden - zumeist von ehemaligen Piraten, bezahlt mit Rum und ausreichend Bargeld, das in die Freudenhäuser an der karibischen Küste floss.

Schwarz, von schlicht  bis elegant oder geheimnisvoll, ist als Farbe in der Mode nun nicht mehr wegzudenken und puristisches Dunkel ist auch bis heute ein Zeichen von Seriösität und Verantwortung geblieben - egal unter welchen Arbeitsbedingungen und mit welchen Farben die Stoffe und Kleidungsstücke konventionell hergestellt werden. Zum Glück bieten mittlerweile auch Produzenten von ökologisch und fair angefertigter sowie giftfrei gefärbter Kleidung schöne schwarze Teile, klassische dunkle Business- und Abendmode an, denn Schwarz ist die mit Abstand am stärksten schadstoffbelastete Färbung in Textilien. 

IndigoMit natürlichem Indigo  gefärbter Stoff. Heute wird die Farbe fast ausschließlich synthetisch erzeugt.  

Bildquelle:  https://de.wikipedia.org/wiki/Textilchemikalien

 

 

 

Vom Blaumachen stinkreich werden

 

Aufgrund des Gestanks befanden sich die Färbereien ausserhalb der Städte und die Indigofärber gehörten den ärmsten Schichten an. Dagegen brachten es die Waid- und Indigohändler zu großem Reichtum - bis ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Verfahren zur synthetischen Farberzeugung gefunden wurde. Bis dahin war aufgrund der aufwendigen Färbeprozeduren und der begrenzten Mengen der Farben intensiv gefärbte Stoffe natürlich sehr kostbar und standen nur den höheren Gesellschaftsschichten zu.

Ausser dass die Farben heutzutage billig sind und in großen Mengen produziert werden, sind es nach wie vor die FärberInnen, die an unterster Stelle in der Textilbranche stehen. Die Ärmsten in den sogenannten Billiglohnländern sind den Dämpfen der chemischen Farbbrühen ausgesetzt . Während wir uns an der bunten Vielfalt der Mode erfreuen, verdrängen wir diese im wahrsten Sinne des Wortes stinkende Tatsache gern aus dem Bewusstsein - wie ehemals in Europa die Färbestätten vor die Städte.

 

Synthetische Farben: Grundstein der Chemieindustrie

 

Die Nachfrage nach Farbstoffen erhöhte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der zunehmenden Industrialisierung und der Technisierung der Textilherstellung. Herkömmliche Färbeverfahren und Farbstoffe konnte mit der Produktionsmenge an Textilien nicht Schritt halten und waren zu teuer. Das beförderte natürlich die Forschung nach einfacheren und billigeren Verfahren. Bemerkenswert ist, dass dieses Begehren nach Farbe und die Suche nach synthetisch herstellbaren Färbemitteln somit den Grundstein zur heutige Pharma- und Chemieindustrie legten. Die Namen einiger bekannter Chemiekonzerne wie Hoechst (früher Farbwerke Bayer und Farbwerke Hoechst) oder BASF (Badische Anilin- und Sodafabrik) weisen auf die Zeit des industriellen Aufschwungs hin, der seinen Ursprung in der Entwicklung neuer Farbstoffe hatte.

 

 

Mauleine

1865 wurde die erste synthetische Farbe aus Steinkohle-Teer erzeugt: Der Farbstoff "Mauveine", benannt nach der Malve.Der Nachfrage nach dem teuren und begehrten Farbton Violett konnte so durch diese zufällige Erfindung des Chemikers Perkin nachgekommen werden. Nun konnten sich auch nicht so reiche Damen elegante violette Kleider leisten.Bild: Mauveine (Historische Farbstoffsammlung der TU Dresden) Quelle:https://de.wikipedia.org/wiki/Mauveine#Eigenschaften

 

Alles bunt macht die Chemie

 

Nicht nur die Kleidung, sondern auch die Flüsse, in die viele Hunderte an unterschiedlichen chemischen Substanzen im Abwasser aus den Fabriken eingeleitet werden. Denn seit der Erfindung der ersten Anilin-Farbe Mauveine entwickelte sich die chemisch-synthetische Textilfärbung rasant. Immer mehr neue Farben wurden aus dem Ausgangsstoff Teer erzeugt. Diese sogenannten Azofarbstoffen verdrängten die natürlichen Farbmittel fast gänzlich. Dass diese bunte Vielfalt ihre Schattenseite hat, zeigen aber immer wieder Nachweise gesundheitsschädlicher Chemikalien in der konventionellen Kleidung. Wer die negativen Auswirkungen der großen Farbpalette nicht auf der eigenen Haut spüren möchte und sich nicht am intensiven Farbchemiecocktail in den Gewässern beteiligen möchte, greift daher zu zertifizierter Ware aus ökologischer Produktion. Und wie wird heute ökologisch produzierte Kleidung gefärbt? Dieser Frage gehen wir im nächsten Teil nach.

 

Ein Artikel von Simonne Baur

 

Hier geht's zu Teil 2: Die Farbwahrnehmung im Blick

Hier geht's zu Teil 1: Wie entstehen Farbtrends?